Pressestimmen:

Atmosphärisch dichter Abend

Ein "atmosphärisch dichter Abend" ist mit der Ein-Frau-Oper "La voix humaine" - deutsch: Die menschliche Stimme - von Francis Poulenc angekündigt. Und wahrlich, wer Gelegenheit hatte, die Generalprobe zu sehen, kann dem nur beipflichten

Was die Mezzosopranistin Annette Kohler und Julia Vogelsänger am Flügel musikalisch und schauspielerisch bieten, ist ein Erlebnis. Von Anbeginn an ist man von der hervorragenden künstlerischen Leistung und der kraftvollen stimmlichen wie mimischen Ausdruckstärke Annette Kohlers so in den Bann geschlagen, daß man kaum zu atmen wagt. Und das eine Stunde lang! Julia Vogelsänger begleitet sie überzeugend einfühlsam.

...das Telefonat einer liebenden Frau voller Sehnsucht und Zärtlichkeit, voller Wut und Verletztheit, voller Verständnis, Trauer, Resignation ... ist ein psychologisch großartiges Ein-Frau-Drama, dessen schwankende Gefühlswelten Annette Kohler sowohl im piano wie in den expressiv herausfallenden scharfen Tönen sängerisch wie schauspielerisch zu meistern vermag. So dargeboten, rührt das Musikdrama jede Faser des Körpers an.

Auch wenn heute "La voix humaine" als "Meisterleistung" einen festen Platz in der Musikgeschichte hat, kann die monodramatische Oper von den Hörgewohnheiten her nicht unbedingt als "etabliert" eingestuft werden. Aber gerade dieser immer noch als experimentiell empfundene Charakter macht sie interessant.

 (Südwestpresse, 30.1.98)
 


Sängerin spielt virtuos auf Klaviatur der Affekte
Drei Künstler überzeugen mit Oper »La voix humaine«

Ein besonderes Ereignis war die zweimalige Aufführung der Ein-Frau-Oper "La voix humaine – die menschliche Stimme" des französischen Komponisten Francis Poulenc im Kurhaus in Freudenstadt.

... Dies ist ein Meisterwerk von hohem Rang. Ein Ein-Personen-Drama, in dessen knapp einstündiger Dauer nichts vor sich geht. Nur ein Telefongespräch erfolgt, von dem der Hörer nur die Hälfte vernimmt: Die Worte der Frau, während die Ihres abtrünnigen Liebhabers nur durch Reflexe und Antworten der Frau zu erahnen sind. Bei einem solchen Stück geht jede Wirkung von der Persönlichkeit der Darstellerin aus. Ihre Stimme muß alle denkbaren Emotionen durchlaufen, zärtlich und liebevoll sein können, anklägerisch vorwurfsvoll, weitläufig, kleinmädchenhaft, und das alles im uneingestandenen Bewußtsein der Sinnlosigkeit ihres Kampfes. Dies alles brachte Annette Kohler eindringlich zum Ausdruck. Ihr dunkler, betörend timbrierter Mezzosopran ist das ideale Medium für diese Partie. Doch ihre souveräne Technik allein machte ihre Interpretation noch nicht zum Ereignis, sondern der bedingungslos dramatische Einsatz, der Charakter und Situation lebendig werden ließ. Annette Kohler spielte virtuos auf der Klaviatur der Affekte, kostete jede Nuance der Musik und des Textes aus. Ihr ebenso temperamentvoller wie facettenreicher Vortrag führt zu einer theatralischen Vergegenwärtigung. In Julia Vogelsänger hatte sie eine kongruente Partnerin am Klavier, die das fehlende Orchester mit riesigem Farbenreichtum ihres Anschlags nie vermissen ließ. Sie ist ein Glücksfall, kennt offensichtlich auch den letzten Winkel der kleinsten Miniatur der Partitur und erhellt ihn. Stets entsteht bei ihr ein charakteristisches Ganzes, das sich organisch aus widersprüchlichen Details in überraschender Weise zusammenfügt. Solch überlegenes, vertieftes Musizieren ist nur einem universell eingestellten Musiker möglich.

Frank Bollinger gelang es, dem handlungslosen Geschehen Konzentration und Spannung abzugewinnen. Er realisierte dieses Stück mit großer Phantasie, läßt Erschütterungen zu und hat den weiten Atem, auch Pausen zu füllen und diese dramaturgisch wirksam werden zu lassen. Die heftig akklamierte Aufführung wurde von den drei Künstlern mit einem Teamgeist getragen, der selbst an internationalen Opernhäusern nur noch selten zu finden ist.
(Schwarzwälder Bote, 2.2.98)
 

Gestörte Verbindung

Zwischen Kissen und Decken sucht sie Geborgenheit. Ihr Bett wirkt wie eine kleine Insel in der Dunkelheit. Einsam und ängstlich klammert sie sich an ihr einziges Kontaktvehikel. Doch das Telefon offenbart nur im doppelten Sinne, wie gestört auch diese letzte Verbindung ist: Das über Belanglosigkeiten und Liebesklischees, zu Vorwürfen und selbstzerstörerischen Bekenntnissen sich steigernde – durch das 'Fräulein vom Amt' mehrmals unterbrochene – Dauergespräch mit dem zum Idealbild umfunktionierten Exgeliebten versteht sie dennoch als Lebenselexier. Das Telefonkabel wird gewissermaßen zur Nabelschnur.

An Aktualität hat das ansonsten handlungsfreie – eher epische als dramatische – musikalische Einpersonenstück  "La voix humaine" von Francis Poulenc nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jean Cocteau nichts eingebüßt. In einer Zeit, in der die Menschen – trotz Handy, Internet und Telefonsex – immer mehr vereinsamen, bekommt der 1958/59 entstandene Einakter sogar neue Relevanz.

Der Frankfurter Regisseur Frank Bollinger hat in der Produktion der JOINT ARTISTS, die jetzt als Gastspiel im Theater des Freien Schauspiel Ensembles (im Philanthropin)  zu sehen war, insofern zu Recht in die 'Tragedie lyrique' szenisch nicht eingegriffen. Er vertraut auf die psychologische Wirkung des Monologs und die hohen darstellerischen Qualitäten der Mezzosopranistin Annette Kohler. Sie verleiht der meist rezitativisch angelegten Partie der 'Frau' , die auf dem Bett kauert, mimisch - gestisch viel Intensität, singt den ins Deutsche übersetzten Text deutlich artikuliert, in der trockenen Akustik intonations- und höhensicher. Die Pianistin Julia Vogelsänger spielt dazu im Bühnenhintergrund eine Klavierfassung des Orchesterparts nuancenreich und klangsensibel. ...
(Frankfurter Allgemeine, 10.10. 2000)
 

Trennung im Schongang

"Mama, was sind das, moderne Menschen?", fragt die Tochter in Arnold Schönbergs 1930 in Frankfurt uraufgeführter Kammeroper Von heute auf morgen, worauf 28 Jahre später Francis Poulenc mit La voix humaine eine Antwort gibt. Jetzt wurde sie beim FREIEN SCHAUSPIEL ENSEMBLE FRANKFURT im Philanthropin wiederholt. Poulencs 'menschliche Stimme' ist ein Trennungsdrama in Monologform, denn das einstündige Duett zwischen Frau und Mann ist allein in der weiblichen Stimme hörbar – der Mann als fernmündlich agierender Part ist nur in Gestalt des Telefonapparats und dessen –hörers präsent. Die Frau - obwohl auf dem Bett liegend -  leibhaftig gegenwärtig, steht ihrem ganz modern sich telefonisch trennenden Liebhaber in nichts nach.

In den neu - sachlichen Grundfarben ihres Ambientes aus gelbem Pyjama, blauen Kopfkissen und rotem Plumeau (Bühne: Eckard Burck – Regie: Frank Bollinger) ist ihr Parlando ein einziges Akzeptieren der Tatsachen, ein Beherrschen der Widerstände und  Widersprüche. Man/frau (hier, bei der sublimen Identifikation mit dem Aggressor, ist der emanzipatorische Unisex - Schrägstrich einmal recht am Platz), man/frau wird keine Dummheiten machen.

Nichts passt zu solcher Einsicht ins Notwendige besser als die neoklassizistisch gebremste Musik Poulencs mit ihrer apollinischen Resignation und Abklärung. In der Fassung für Klavier solo wurde sie mit äußerster Akuratesse und nuancenreichem Anschlag von Julia Vogelsänger realisiert. Dem Abgedrängten und Unerledigten aber, das im Heroismus des Verzichts weiter schwelt, gab die Stimme von Annette Kohler eindrücklich Raum.
Ohne outrierte Geste, fast naiv, wirkte der makellose, vibratofrei leuchtende und doch bewegte Mezzosopran, der die Spannung einer Ruhe, die durch zurückgestaute Unruhe entsteht, auf großartige Weise ausdrückte.
(Frankfurter Rundschau, 10.10. 2000)

Szenenfotos